Warum bauen Banken digitale Finanzierungsplattformen – und was hat Basel 3 damit zu tun?

Basel 3 und das Nachfolgewerk Basel 3.1 verschärfen die Eigenkapitalanforderungen für europäische Banken genau zu dem Zeitpunkt, an dem die Nachfrage von KMU nach Finanzierungen hoch bleibt. Das Ergebnis ist eine strukturelle Spannung: Banken, die ihre KMU-Kunden weiterhin bedienen wollen, stehen unter zunehmendem Druck auf die Bilanzkapazitäten, die sie traditionell dafür eingesetzt haben. Digitale Finanzierungsplattformen bieten eine Lösung für diese Spannung – sie ermöglichen es Banken, Finanzierungen für ihre Kunden zu vermitteln, ohne das Kreditrisiko in die eigene Bilanz zu nehmen. Dieser Artikel erklärt, wie das funktioniert, warum es relevant ist und wie der regulatorische Rahmen für Banken aussieht, die diesen Weg einschlagen.

Was Basel 3 für die Kreditvergabe der Banken konkret ändert

Basel 3, vom Basler Ausschuss für Bankenaufsicht finalisiert und derzeit in den EU-Mitgliedstaaten umgesetzt, führt strengere Risikogewichtungsberechnungen für Bankaktiva ein. Die wesentliche Änderung besteht in der Einschränkung des Spielraums, den Banken bei der Berechnung risikogewichteter Aktiva (RWA) durch eigene interne Modelle hatten. Im überarbeiteten Rahmenwerk müssen mehr Anlageklassen nach standardisierten Ansätzen gewichtet werden, die in der Regel höhere Kapitalanforderungen erzeugen als bankspezifische interne Modelle.

Für die KMU-Kreditvergabe bedeutet das konkret: Banken müssen gegen das gleiche Kreditportfolio mehr Eigenkapital vorhalten als bisher. Eine Regionalbank mit einem stabilen KMU-Kreditportfolio, das unter Basel 2.5 kapitaleffizient war, kann feststellen, dass dasselbe Portfolio unter den Basel-3.1-Standardansätzen deutlich mehr Kapital bindet. Die Europäische Bankenaufsichtsbehörde veröffentlichte Folgenabschätzungen, die materielle Anstiege der Kapitalanforderungen im gesamten EU-Bankensektor zeigten – kleinere und mittelgroße Institute sind überproportional betroffen, da ihr Engagement im KMU-Kreditgeschäft anteilig höher ist.

Die Reaktion vieler Banken war, neue KMU-Kredite zu reduzieren, die Konditionen zur Kompensation höherer Kapitalkosten anzuheben oder nach Modellen zu suchen, bei denen Kredite zwar originiert, aber nicht dauerhaft in der Bilanz gehalten werden. Digitale Finanzierungsplattformen ermöglichen die dritte Option auf strukturierte und regulierte Weise.

Warum Mezzanine-Kapital zur strategischen Priorität geworden ist

Mezzanine-Kapitalinstrumente – insbesondere Nachrangdarlehen, Genussrechte und vergleichbare nachrangige Schuldstrukturen – liegen außerhalb des vorrangigen Kreditbuchs, das Basel 3 primär adressiert. Eine Bank, die Kunden an eine Mezzanine-Finanzierungsmöglichkeit auf einer digitalen Plattform vermittelt, agiert als Distributor und nicht als Kreditgeber. Die Finanzierung selbst stammt von der Investorenbasis, die über die Plattform zeichnet. Die Bank verdient eine Vertriebsprovision und pflegt die Kundenbeziehung, ohne ein risikogewichtetes Aktivum in ihre Bilanz aufzunehmen.

Für Regionalbanken und Sparkassen, die den deutschen KMU-Markt bedienen, ist das eine strategisch relevante Produktlücke. Ihre KMU-Kunden benötigen häufig Kapitalstrukturen, die vorrangiges Bankdarlehen mit nachrangiger Finanzierung kombinieren. Bislang war diese nachrangige Schicht schwierig zu arrangieren – der Markt dafür war illiquide, und der Dokumentations- und Vertriebsaufwand stand in keinem günstigen Verhältnis zur Dealsgröße. Eine digitale Plattform, die die Emission und den Vertrieb nachrangiger Instrumente standardisiert, verändert diese Ökonomie grundlegend.

Eine Sparkasse kann einen Kunden in einen Mezzanine-Finanzierungsprozess einführen, diesen Prozess über die Kundenbeziehung begleiten und an den Provisionserträgen partizipieren – ohne das Kreditrisiko zu übernehmen. Die strategische Bedeutung dieses Modells reicht über einzelne Transaktionen hinaus: Banken, die eine Mezzanine-Vertriebskompetenz aufbauen, positionieren sich als umfassendere Finanzierungspartner für ihre KMU-Kunden.

Wie digitale Plattformen in die Produktarchitektur der Bank passen

Eine Bank, die eine digitale Finanzierungsplattform in ihre Produktarchitektur integrieren will, hat strukturell zwei Möglichkeiten: Eigenentwicklung oder Betrieb auf lizenzierter White-Label-Infrastruktur. Der Eigenentwicklungspfad erfordert die notwendigen regulatorischen Zulassungen, den Aufbau der Technologie und die laufende Pflege der Compliance. Für die meisten Regionalbanken ist das in einem unverhältnismäßigen Aufwand im Verhältnis zum erwarteten Dealvolumen – insbesondere in der Frühphase des Aufbaus einer Mezzanine-Vertriebskapazität.

Der White-Label-Pfad nutzt eine bestehende, regulierte Plattforminfrastruktur unter der Marke der Bank. Für die Kunden der Bank erscheint der Mezzanine-Finanzierungsprozess als integraler Bestandteil des Bankangebots. Die Bank behält die Kontrolle über die Kundenbeziehung, die Dealorigination und die Vertriebsaktivität. Die zugrundeliegende Plattform stellt die Technologie, das Anlegerregister, die KYC-Infrastruktur und die regulatorischen Zulassungen bereit, die für den rechtssicheren Betrieb der Emission erforderlich sind.

Die Partnerschaft von ONINO mit der Volksbank hat dieses Modell im deutschen Markt demonstriert: Eine Regionalbank, die ihren KMU-Kunden Zugang zu digitaler Mezzanine-Finanzierung über eine gebrandete Plattform auf der regulierten Infrastruktur von ONINO bietet. Für Sparkassen und Genossenschaftsbanken mit mehreren regionalen Einheiten erlaubt das White-Label-Modell zudem eine konsistente Produktbereitstellung im gesamten Verbund – ohne dass jede Einheit die zugrundeliegende Infrastruktur eigenständig aufbauen und pflegen muss.

Der regulatorische Rahmen, den Banken kennen müssen

Banken, die in den digitalen Wertpapiervertrieb einsteigen, müssen verstehen, wie diese Tätigkeit in ihren bestehenden regulatorischen Perimeter passt und wo neue Zulassungen erforderlich sein könnten.

Agiert die Bank rein als Distributor – verweist Kunden auf eine separat zugelassene Plattform und erhält eine Vermittlungs- oder Vertriebsprovision –, kann die Tätigkeit je nach Ausgestaltung der Vermittlung unter die bestehende MiFID-II-Zulassung der Bank als Anlageberatung oder Auftragsannahme und -weiterleitung fallen. Eine rechtliche Analyse der konkreten Vermittlungsstruktur ist vor jeder kundengerichteten Tätigkeit zwingend erforderlich.

Betreibt die Bank eine eigene gebrandete Plattform, agiert sie zusätzlich zur Distributorrolle als Plattformbetreiber. Das erfordert entweder, dass die Bank selbst die einschlägige Zulassung als regulierter Crowdfunding-Dienstleister nach der EU-Crowdfunding-Verordnung oder als Wertpapierfirma nach MiFID II hält – oder dass der zugrundeliegende Plattformanbieter diese Zulassung hält und die Bank als gebundener Vermittler oder in einer vergleichbaren Funktion unter ihr tätig wird.

Für Instrumente, die als elektronische Wertpapiere nach dem deutschen eWpG qualifizieren, sind zudem die Registerpflichten zu beachten. Die Eintragung im Kryptowertpapierregister ist gesetzliche Voraussetzung dafür, dass das Instrument nach deutschem Recht als Wertpapier anerkannt wird – und wird typischerweise vom Plattformanbieter als Teil der Emissionsinfrastruktur übernommen.

Häufig gestellte Fragen

Was ist Basel 3 und warum ist es für Banken relevant? Basel 3 ist ein internationales Bankenregelwerk, das der Basler Ausschuss für Bankenaufsicht nach der Finanzkrise 2008 entwickelt hat. Sein Kernziel ist die Stärkung der Eigenkapitalausstattung von Banken, indem höhere und qualitativ bessere Eigenmittel gegen risikogewichtete Aktiva vorgehalten werden müssen. Für europäische Banken stellt die Finalisierung von Basel 3.1 die bedeutendste Änderung des Kapitalrahmens seit über einem Jahrzehnt dar – mit Umsetzungsfolgen, die bei vielen Instituten, insbesondere solchen mit großen KMU- oder Immobilienkreditbüchern, zu höheren Anforderungen führen.

Warum brauchen Banken digitale Transformation bei ihren Finanzierungsprodukten? Die digitale Transformation im Bankfinanzierungsbereich wird von zwei Kräften getrieben. Erstens machen steigende Eigenkapitalanforderungen unter Basel 3 es weniger effizient, bestimmte Kreditarten in der Bilanz zu halten – das schafft Nachfrage nach Originate-and-Distribute-Modellen. Zweitens erwarten KMU-Kunden zunehmend Finanzierungslösungen, die schneller, flexibler und besser strukturiert sind als klassische vorrangige Bankdarlehen allein bieten können.

Wie wird Basel 3 Banken in der EU beeinflussen? Die EU-Umsetzung von Basel 3.1 erhöht die standardisierten Risikogewichte für mehrere Anlageklassen, reduziert die Kapitalentlastung durch interne Modelle und führt einen Output-Floor ein, der begrenzt, wie weit interne Modellberechnungen von standardisierten Ansätzen abweichen dürfen. Netto ergibt sich für die meisten EU-Banken ein höherer Kapitalbedarf gegen bestehende Portfolios, was die Kreditvergabekapazität reduziert oder die Kapitalkosten für Kreditnehmer erhöht.

Können Regionalbanken digitale Mezzanine-Finanzierung anbieten, ohne eine eigene Plattform aufzubauen? Ja. Eine Bank kann eine gebrandete digitale Finanzierungsplattform auf der White-Label-Infrastruktur eines lizenzierten Plattformbetreibers betreiben. In diesem Modell behält die Bank die Kontrolle über die Kundenbeziehung und die Vertriebsaktivität; der Plattformanbieter liefert Technologie, regulatorische Zulassung und Compliance-Infrastruktur. Die Partnerschaft zwischen Volksbank und ONINO ist ein praktisches Beispiel für dieses Modell.

Zusammenfassung

  • Die Eigenkapitalanforderungen unter Basel 3.1 reduzieren die Bilanzeffizienz klassischer KMU-Kreditvergabe und treiben Banken in Richtung Originate-and-Distribute-Modelle.

  • Mezzanine-Kapitalinstrumente, die über digitale Plattformen vertrieben werden, ermöglichen es Banken, KMU-Kunden zu bedienen, ohne risikogewichtete Aktiva in die eigene Bilanz aufzunehmen.

  • Regionalbanken und Sparkassen können gebrandete digitale Finanzierungsplattformen auf White-Label-Infrastruktur betreiben und dabei die Kundenbeziehung halten, während der Plattformanbieter Technologie und regulatorische Zulassung stellt.

  • Die regulatorische Struktur für bankseitig betriebene digitale Plattformen hängt davon ab, ob die Bank als Distributor, Betreiber oder in beiden Funktionen agiert, und erfordert eine instrumenten- und jurisdiktionsspezifische rechtliche Analyse.

  • Für deutsche Instrumente werden die eWpG-Registerpflichten vom Plattforminfrastrukturanbieter als Teil des Emissionsprozesses übernommen.

Lukas Wipf

CPO & Mitgründer

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